Seriell aus dem Schulsanierungsstau
Ein Großteil der deutschen Schulgebäude ist unzureichend oder gar nicht gedämmt, wird mit Gas oder Öl beheizt und verbraucht fünfmal mehr Energie, als heutzutage technisch möglich wäre. Der hohe Energieverbrauch belastet nicht nur die Umwelt, sondern auch die kommunalen Haushalte. Dementsprechend hoch ist der Sanierungsdruck. Wie Schulen mit seriellen Lösungen schnell und wirtschaftlich saniert werden können, diskutierten Vertreter aus Praxis und Verwaltung auf Einladung des dena-Kompetenzzentrums Serielles Sanieren im Rahmen der Berliner Energietage.

Aus Pilotprojekten lernen

In Berlin beläuft sich der Sanierungsstau der 800 Schulen auf 7,1 Milliarden Euro. Rund 3 Milliarden entfallen dabei auf die energetische Sanierung. Eine Mammutaufgabe, die nach Ansicht von Norbert Illiges, Leiter der Taskforce Schulbau der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Kinder, Jugend und Familie, einen Paradigmenwechsel erfordert: „Wir müssen Aufgaben priorisieren, bezirksübergreifend denken und Maßnahmen bündeln, um mit den zur Verfügung stehenden Mitteln das Maximum zu erreichen.“
Die 2016 gestartete Berliner Schulbauoffensive (BSO) sorgt dafür, dass die Berliner Schulen, den Anforderungen einer wachsenden Stadt und modernen pädagogischen Konzepten gerecht werden. Dazu zählen neben dem Neubau auch die Sanierung, Erweiterung und räumliche Anpassung bereits bestehender Schulen. Das Land Berlin setzt dabei auch auf innovative Lösungen wie das serielle Sanieren. Die Marienfelder Grundschule ist die erste Berliner Schule, die mit dem innovativen Modernisierungsansatz fit für die klimaneutrale Zukunft gemacht wurde. Die Umsetzung erfolgte bei laufendem Betrieb und lieferte wertvolle Erfahrungen für weitere serielle Schulsanierungen. Serielles Sanieren kombiniert digitale Planung mit automatisierter Vorfertigung und standardisierten Prozessen. Auf diese Weise lassen sich mit den zur Verfügung stehenden Fachkräften mehr Schulgebäude in kürzerer Zeit sanieren. Aufgrund ihrer zumeist einfachen Gebäudekubatur sind Schulen, Kitas und Turnhallen optimal für den seriellen Sanierungsansatz geeignet und können im Idealfall sogar in den Ferien saniert werden.
Sanierung nach Stundenplan

Ein solcher Idealfall ist die Integrierte Gesamtschule Kreyenbrück in Oldenburg. Sie wurde 2020 von der Zimmerei Sieveke in den Sommerferien auf Klimakurs gebracht. „Die schnelle Montage der vorgefertigten Fassadenelemente auf der Baustelle ist das Ergebnis einer präzisen Planung, die bereits ein Jahr vorher beginnt“, erklärt Prokurist Roman Koditek.
Der Eigenbetrieb Gebäudewirtschaft und Hochbau (EGH) der Stadt Oldenburg war von der Geschwindigkeit und Ausführungsqualität so beeindruckt, dass auf dem kurzen Dienstweg direkt ein zweites Projekt folgte. Um möglichst schnell mit der Sanierung der Integrierten Gesamtschule Flötenteich starten zu können, verzichtete man auf die klassische Vergabe kleinteiliger Einzelleistungen und beauftragte die serielle Sanierung als Gesamtleistung. Auch hier konnte die Gebäudehülle in 6-wöchiger Rekordzeit erneuert werden. „Wenn es sich nur um eine Fassadensanierung handelt und keine weiteren An- und Umbauten geplant sind, lässt sich eine serielle Sanierung wirklich in den Ferien umsetzen. Damit dies gelingt, müssen allerdings einige Voraussetzungen erfüllt sein“, betont Roman Koditek. Eine gründliche Bestandsanalyse und ein detailliertes 3D-Aufmaß sind ebenso wichtig wie die exakte Planung der Fassadenelemente, die termingerechte Taktung der Vorfertigung sowie eine gut durchdachte Baustellenlogistik.
Rundumerneuerung rechnet sich

Auch Architekt Jochen Schurr hat schon einige Schulen in den Ferien oder bei laufendem Betrieb seriell saniert. Für ihn sind 3.200 m2 Fassadenfläche in 6 Wochen ein realistisches Arbeitspensum. Wenn alles nach Plan läuft, gehen die Schülerinnen und Schüler aus einem sanierungsreifen Worst-Performing Building in die Ferien und kehren am ersten Schultag in ein top saniertes Schulgebäude zurück, das energetisch auf Neubau-Niveau ist.
„Bei komplexeren Projekten, die mit einer Aufstockung und Grundrissänderung gekoppelt werden, ist eine Sanierung in den Ferien natürlich nicht möglich“, macht Jochen Schurr von gute Orte architekten deutlich. Hier sorgt die schnelle Montage der Gebäudehülle aber dafür, dass die Innenarbeiten zeitnah starten können und die Schule somit möglichst rasch wieder zur Verfügung steht. Angesichts der angespannten Haushaltslage ist die Frage der Kosten für kommunale Auftraggeber von besonderer Bedeutung. Der Heizenergiebedarf einer durchschnittlichen Schule liegt bei 211 kWh/m2pro Jahr, was der zweitschlechtesten Energieeffizienzklasse entspricht. Mit einer seriellen Sanierung können Energieeinsparungen von bis zu 90 Prozent erreicht werden. Somit amortisiert sich die Investition vergleichsweise schnell. Hinzu kommen die erheblich kürzere Bauzeit, die Verlängerung des Lebenszyklus und die deutlich höhere Qualität, die bislang in keinem Investitionsrechner einkalkuliert sind.
Mit geteiltem Wissen schneller vorankommen

Als Teil der Berliner Schulbauoffensive unterstützt das kommunale Wohnungsunternehmen HOWOGE das Land Berlin beim Schulneu- und Bestandsbau. Derzeit setzt das Unternehmen 11 Schulsanierungsprojekte in unterschiedlichen Berliner Bezirken um. Bislang noch konventionell, aber das könnte sich schnell ändern. Denn die HOWOGE hat bereits gute Erfahrungen mit der seriellen Sanierung von Wohngebäuden gemacht. In der Zerbster Straße 80-84 wurde ein 5-geschossiger WBS 70-Plattenbau in bewohntem Zustand energetisch modernisiert. Nach der Sanierung reduzierte sich der Energiebedarf um 88 Prozent. „Das Projekt in Hellersdorf hat gezeigt, dass serielle Ansätze vor allem dort großes Potenzial haben, wo sich Bauteile oder Gebäudetypen standardisieren lassen“, erklärt Geschäftsführerin Inga Stein-Barthelmes.
Das in der Zerbster Straße gewonnene Know-how lässt sich auch auf Schulen übertragen. In Berlin gibt es viele Bildungsbauten aus den 70er-Jahren, die sich hervorragend für eine serielle Sanierung eignen. Für die HOWOGE-Chefin sind die nächsten Schritte klar: „Gemeinsam mit allen Partnern der Berliner Schulbauoffensive müssen wir die Potenziale systematisch identifizieren und passende Projekte mit vergleichbaren Strukturen, die die Möglichkeit zur Skalierung bieten, gezielt in die Umsetzung bringen.“ Durch Clusterung und Synergieeffekte könne man dann mit den zur Verfügung stehenden Mitteln deutlich mehr erreichen.
