Serielle Sanierung macht Schule
Wie lassen sich Schulen, Kitas und Turnhallen schnell, effizient und wirtschaftlich auf Klimakurs bringen?

Antworten auf diese Frage erhielten rund 50 Vertreter hessischer und rheinland-pfälzischer Kommunen beim seriellen Sanierungsworkshop des dena-Kompetenzzentrums Serielles Sanieren, der Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz und der LandesEnergieAgentur Hessen am 22.4. in Mainz. Anhand konkreter Projekte aus den Kommunen wurden Bestandsgebäude analysiert, Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten eruiert, Vergabemodelle diskutiert und erste Lösungsansätze für serielle Pilotvorhaben konzipiert.
Sanierungstempo muss deutlich steigen

In den nächsten sieben Jahren stehen die 11.000 deutschen Kommunen vor großen Herausforderungen: Laut der europäischen Energy Performance of Buildings Directive (EPBD) müssen die 26 Prozent energetisch schlechtesten Nichtwohngebäude bis 2033 saniert werden. Das betrifft vor allem Schulen, Kitas und Turnhallen, die häufig in die Kategorie „Worst Performing Buildings“ fallen und das Klima sowie die kommunalen Haushalte überproportional belasten.
Ein vielversprechender Weg aus dem kommunalen Sanierungsstau ist das serielle Sanieren. Das innovative Konzept kombiniert digitale Planung mit automatisierter Vorfertigung und standardisierten Prozessen. Die neue Gebäudehülle wird im Werk vorgefertigt und muss auf der Baustelle nur noch montiert werden. Auf diese Weise lassen sich mit weniger Fachkräften mehr Gebäude in kürzerer Zeit energetisch modernisieren. Timo Sengewald, Seniorexperte im dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren skizziert die Vorteile: „Selbst höchst ineffiziente Gebäude können mit seriellen Sanierungslösungen energetisch auf Neubauniveau gebracht werden. Aufgrund ihrer meist einfachen Gebäudekubatur sind Schulen, Kindergärten und Sporthallen optimal für den seriellen Sanierungsansatz geeignet. Im Idealfall können sie sogar während der Ferien saniert werden.“
Kommunen brauchen serienreife Lösungen

Eik Burger, stellvertretender technischer Betriebsleiter des Eigenbetriebs Schule und Gebäudewirtschaft des Landkreises Bergstraße hat bereits gute Erfahrungen mit vorgefertigten Holzmodulen im Schulneubau gemacht und möchte im Rahmen der Workshops herausfinden, wie sich das Prinzip auf die Sanierung von Bestandsgebäude übertragen lässt. „Ich habe zwei Beispielschulen mitgebracht und bin gespannt auf die Einschätzung der Expertinnen und Experten. Mich interessiert, ob sie prinzipiell für eine serielle Sanierung geeignet sind und wie die konkrete Umsetzung aussehen würde.“
Andreas Cleophas, Projektleiter im Hochbauamt der Stadt Wiesbaden, findet die Idee, eine neue hochgedämmte Gebäudehülle über ineffiziente Bestandsliegenschaften zu stülpen und dabei möglichst viel Technik in die Fassade zu integrieren, spannend. Er möchte aus dem Workshop praxistaugliche Anregungen für die 80 Schulen der hessischen Landeshauptstadt mitnehmen. Das erhofft sich auch Christoph Liesenfeld, Leiter des Bauamts in Bad Kreuznach: „Wie in vielen hessischen und rheinland-pfälzischen Kommunen kommen auch bei uns noch zwei besondere Herausforderungen hinzu – der felsige Untergrund und die Hanglage. Ich bin gespannt, welche Lösungen hier denkbar sind.“
Analyse und Aufmaß sind essenziell

Bauen im Bestand gilt in der Branche als Königsdisziplin. Häufig liegen fehlerhafte, unvollständige und oft gar keine Planungsunterlagen mehr vor. Auch die Bausubstanz kann viele Überraschungen bergen: Das Spektrum reicht von Feuchtigkeitsschäden über Schadstoffbelastungen und Wärmebrücken bis zu Schall- und Brandschutzmängeln. Deshalb startet jedes serielle Sanierungsprojekt mit einer detaillierten Bestandsanalyse und einem exakten Aufmaß. Die Gebäude werden per 3D-Laserscan und Drohnentechnik millimetergenau von außen und innen vermessen. Aus den zu einer Punktwolke verdichteten Messdaten wird ein BIM-Modell generiert, das die Grundlage für die Planung und Vorfertigung der Fassadenelemente bildet.
Für Holger Rieth, Geschäftsführer von Holzbau Dawen, sind die Vorteile der seriellen Sanierung, wie die kurze Bauzeit vor Ort und die deutlich höhere Qualität, das Ergebnis exakter Daten und präziser Planung: „Wer vorne spart, zahlt hinten doppelt. Denn Fehler, die am Anfang gemacht werden, setzen sich über die ganze Serie fort.“
Fördermix macht serielle Sanierung wirtschaftlich

Architektin Sabine Reiser, die in Körperich die erste Turnhalle in Rheinland-Pfalz seriell saniert, teilte die dort gemachten Erfahrungen und gab Tipps für die Umsetzung. Angesichts der angespannten Haushaltslage vieler Kommunen waren die Themen Finanzierung und Förderung für die Teilnehmenden von besonderem Interesse. In Körperich sorgte ein Mix aus sechs unterschiedlichen Förderprogrammen unterm Strich dafür, dass die Verbandsgemeinde Südeifel nur rund ein Viertel der sich auf 2,37 Mio. Euro belaufenden Sanierungskosten selbst tragen muss.
Im Rahmen der Bundesförderung effiziente Gebäude (BEG) werden kommunale Sanierungsprojekte mit zinsverbilligten Krediten und Tilgungszuschüssen von bis zu 50 Prozent unterstützt. Das Land Rheinland-Pfalz fördert die serielle Turnhallensanierung in Körperich mit 500.000 Euro aus dem Kommunalen Investitionsprogramm für Klimaschutz und Innovation (KIPKI) und 100.000 Euro aus dem Klimabündnis Bauen RLP. Auch das Land Hessen unterstützt die Sanierung von Bestandsgebäuden mit attraktiven Förderprogrammen. So werden Sanierungen auf Effizienzstandard 55 mit 65 Prozent bezuschusst, Passivhausstandard plus Photovoltaik sogar mit 80 Prozent. Klimakommunen des Bündnisses Hessen aktiv erhalten weitere 10 Prozent on top. Erste Anlaufstelle zu allen Fragen rund um die Finanzierung und Förderung serieller Sanierungsprojekte ist die jeweilige Landesenergieagentur. Die Unterstützung reicht von der Auswahl passender Förderprogramme über die Prüfung etwaiger Kumulierungsmöglichkeiten bis zur Beantragung.
Ausschreibung und Vergabe bremsen Sanierungstempo aus

Einblicke in die kommunale Sanierungspraxis eröffnete auch Roland Hatz, Abteilungsleiter Bildungsbau im Amt für Bau und Immobilien der Stadt Frankfurt. Mit der Schule am Hang präsentierte er die erste serielle Schulsanierung in Hessen. Die Hanglage erschwert das Bauen im Bestand und den Neubau der Erweiterungsgebäude. Deshalb müssen die Baukörper im Bereich des Erdreichs besonders massiv sein. Ein kleiner Erdwall schützt die Gebäude vor Hangwasser.
Eine wesentlich größere Herausforderung als die Hanglage stellen hingegen die Ausschreibung und Vergabe kommunaler Sanierungsvorhaben dar. Bereits für Bauprojekte mit 1,5 Mio. € Auftragsvolumen ist eine zeitintensive EU-weite Vergabe von Planungsleistungen notwendig. Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu einer schnellen Erhöhung der Sanierungsquote sieht Roland Hatz darin, dass es bislang zu wenig Baufirmen gibt, die über serielle Sanierungsexpertise verfügen und in der Lage sind, Großprojekte wie die Schule am Hang zu stemmen.
Machbarkeitsstudien liefern fundierte Argumente

Das öffentliche Vergaberecht stößt bei der seriellen Sanierung an seine Grenzen, weil es von einem traditionellen Bauprozess ausgeht, in dem ein Gewerk auf das nächste folgt. Beim seriellen Sanieren hingegen laufen viele Arbeitsschritte parallel und erfordern eine gewerkeübergreifende Zusammenarbeit. Und genau diese Besonderheit kollidiert mit den klassischen Vergaberegelungen. Das Leistungsbestimmungsrecht eröffnet kommunalen Bestandshaltenden allerdings eine Hintertür: Liegen objektiv nachvollziehbare auftrags- und sachbezogene Gründe vor, dürfen mehrere Teil- oder Fachlose zusammen vergeben werden. Allerdings nur dann, wenn wirtschaftliche oder technische Gründe dies erfordern. „Lassen Sie sich im Vorfeld eines seriellen Sanierungsvorhabens eine Machbarkeitsstudie erstellen. Sie liefert Ihnen wirtschaftlich und technisch fundierte Argumente für die rechtssichere Zusammenfassung von Einzellosen“, rät Hannsjörg Pohlmeyer, ehemaliger Leiter des Holzbauclusters Rheinland-Pfalz.
Der Workshop in Mainz hat gezeigt, dass es bei kommunalen Bestandshaltenden eine Aufbruchstimmung in Richtung serieller Sanierung gibt. Damit sich diese positive Dynamik fortsetzt, braucht es Formate, in denen Erfahrungen ausgetauscht, Ideen entwickelt und Kontakte geknüpft werden können. Weitere Workshops in anderen Bundesländern sind bereits in der Planung.
Infokasten:
Das dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren / Energiesprong DE unterstützt kommunale Bestandshaltende mit einer breiten Palette an Beratungs-, Informations- und Vernetzungsangeboten. Factsheets und Leitfaden zu unterschiedlichen Themen und Fragestellungen helfen bei den ersten Schritten. Ein neuer Leitfaden zum Thema Machbarkeitsstudien erscheint in Kürze. Eine Plattform mit seriellen Sanierungsanbietern erleichtert die Suche nach passenden Planern, Komponentenherstellern und Holzbauunternehmen. Ein Best Practice-Portal zeigt eine Auswahl bereits realisierter bzw. in Bau befindlicher Projekte. Workshops, Netzwerksevents sowie das Exkursionsformat „Energiesprong on tour“ rund das Angebot ab.
